Annual European Lecture, European Studies Centre, St Antony's College, Oxford – 14.05.2026
Rede von Dr. Franziska Brantner MdB
(Deutsche Übersetzung des englischen Originals)
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Warden Goodman, Direktor Betts, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Studierende, liebe Freundinnen und Freunde –
es ist eine Ehre, in diesem Raum sprechen zu dürfen. Und für mich ist es mehr als eine Ehre – es ist gewissermaßen eine Heimkehr. Während meiner Promotion habe ich ein Jahr am European Studies Centre verbracht, und was ich diesem Jahr verdanke, lässt sich kaum bemessen. Hier habe ich gelernt, was es bedeutet, ernsthaft über Europa nachzudenken: nicht als institutionelle Architektur oder als Rechtsgebäude, sondern als Zivilisation – mit einer Geschichte, die Geduld einforderte, mit Widersprüchen, die Ehrlichkeit verlangten, und mit einer Zukunft, die nach Vorstellungskraft rief. Die Seminare in diesem Zentrum, die Gespräche im Gemeinschaftsraum, die Freundlichkeit der Fellows, die eine ausländische Doktorandin unter ihre Fittiche nahmen und ihre Ideen als diskussionswürdig behandelten – all das hat mich intellektuell wie persönlich geprägt. Ich bin sehr dankbar für das reiche intellektuelle und menschliche Umfeld dieses Ortes.
Das European Studies Centre ist heute ein halbes Jahrhundert alt, und in diesen fünfzig Jahren hat es etwas getan, das in unserem öffentlichen Leben selten ist: Es hat – gegen alle Anziehungskraft von Moden und Krisen – darauf beharrt, dass Europa ein Thema ist, über das umfassend, sagen wir: langsam eingehend, nachgedacht werden muss. Die Reihe derer, die vor mir an diesem Pult standen – Patten, Schäuble, Aznar – ist nicht eben dazu angetan, leichtfertig zu beginnen.
Lassen Sie mich also mit einem Satz beginnen, den ich vor zehn Jahren nicht gesagt hätte und der mir vor fünf Jahren unangenehm gewesen wäre.
Europa ist allein.
Nicht vollständig, nicht unwiderruflich. Aber einsamer als zu irgendeinem Zeitpunkt seit 1945. Allein in einer Weise, die die Architekten unserer Nachkriegsordnung – Monnet, Schuman, Adenauer, Bevin, Spinelli und Churchill, ja sogar de Gaulle in seinen widerborstigsten Momenten – erstaunlich gefunden hätten. Wir sind, zum ersten Mal seit drei Generationen, ein Kontinent, der ernsthaft die Verteidigung seines eigenen Territoriums, die Sicherheit seiner eigenen Nachbarschaft und die Glaubwürdigkeit seiner eigenen Abschreckung in Betracht ziehen muss – ohne die Annahme, dass die Kavallerie von anderswo zur Hilfe eilt.
Das ist das Thema meines heutigen Vortrags. Ich möchte vier Thesen vertreten.
Erstens: Die Frage der strategischen Autonomie Europas war über lange Zeit eine französische Obsession, eine deutsche Verlegenheit, eine britische Verärgerung – und sie ist heute, nolens volens, zu einer europäischen Notwendigkeit geworden. Nicht weil die Debatte gewonnen wäre, sondern weil die heutigen Alternativen unannehmbar sind.
Zweitens: Wir reagieren – mit beispiellosen Geldsummen, neuen Institutionen, einer Geschwindigkeit von Entscheidungen, die 2019 unvorstellbar gewesen wäre –, aber Geld und Abkürzungen sind noch keine Strategie. Wir haben ein Budget. Wir haben noch keine Doktrin.
Drittens – und darauf möchte ich heute Abend den größten Teil meiner Zeit verwenden –: Die Antwort muss eine wirklich europäische Antwort sein. Und in ihrem Zentrum steht eine besondere Frage: die deutsche Frage. Der Aufwuchs deutscher Militärmacht ist eine der folgenreichsten Entwicklungen für die europäische Sicherheit seit dem Fall des Eisernen Vorhangs. Ob er ein Segen oder ein Problem ist, hängt fast ausschließlich davon ab, ob er – in der Tat und nicht nur im Wort – europäisch eingebettet ist. Ich werde argumentieren, dass Deutschland für diese neue Ära ein neues Leitprinzip braucht.
Und schließlich, viertens: Die europäische Einsamkeit in dieser neuen Ära ist nicht nur militärischer Natur – sie ist auch, im Innersten, treuhänderisch. Wir sind zu Hütern von etwas Größerem geworden als unserem Territorium – einer politischen Tradition, deren anderer Hüter sich davon abwendet.
Lassen Sie mich diese Punkte nacheinander behandeln.
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I. Wie wir hierhergekommen sind
Hier in Oxford ist es erlaubt, ja erwünscht, mit Geschichte zu beginnen. Erlauben Sie mir also einen kurzen Umweg.
Der Begriff „strategische Autonomie Europas“ tauchte im offiziellen EU-Wortschatz erst 2013 auf, in den Schlussfolgerungen des Europäischen Rates zur Verteidigung im Dezember. Er war damals sorgsam so gestaltet, dass er nicht als Bedrohung wahrgenommen würde. Er bezog sich auf die industrielle Basis der EU, auf ihre Fähigkeit, eigene Hubschrauber und Fregatten zu bauen, und wurde in London, Washington und auch in Berlin mit jenem nachsichtigen Lächeln aufgenommen, das man bestimmten Dingen vorbehält, die die Franzosen sagen.
Das Lächeln verblasste zunächst langsam, dann schnell.
Es verblasste langsam über die 2010er Jahre, als eine Annahme nach der anderen unter Druck geriet. Russlands Annexion der Krim 2014 beendete den Urlaub von der Geschichte, nach dem Kalten Krieg, auch wenn wir es uns damals nicht recht eingestanden. Der Umgang der ersten Trump-Regierung mit der NATO – die öffentlichen Mahnreden zur Zwei-Prozent-Quote, die Andeutung, Artikel 5 könnte bedingt sein – brach das psychologische Fundament des Bündnisses auf, auch wenn die institutionelle Architektur hielt. Der Brexit entzog der Europäischen Union ihre bedeutendste Militärmacht und einen ihrer beiden Nuklearwaffenstaaten. Der Abzug aus Afghanistan 2021, in den europäischen Hauptstädten als beiläufige Höflichkeit empfunden, zeigte, dass selbst eine transatlantisch eingestellte US-Regierung den Zeitplan vorgibt und die Europäer sich anzupassen hatten.
Dann der 24. Februar 2022. Plötzlich gab es nichts und niemand mehr, worüber man lächeln könnte.
Die russische Invasion der Ukraine hat nicht alles verändert – das ist richtig –, aber sie hat das verändert, was zählte. Sie zeigte, dass ein großer Landkrieg in Europa keine bloße Erinnerung mehr war, sondern neue Realität geworden ist. Sie machte deutlich, dass die europäische Rüstungsindustrie, durch jahrzehntelange Friedensdividende verkümmert, Artilleriegranaten nicht in dem Tempo produzieren konnte, das der Krieg verbraucht. Sie zeigte, dass den europäischen Ländern jeweils einzeln die strategischen Befähiger fehlten – Luftbetankung, Satellitenaufklärung, Unterdrückung feindlicher Luftabwehr, präzise Langstreckenkapazitäten –, die aus willigen Armeen schlagkräftige machen. Wir hatten zusammen mehr Panzer als Russland. Wir hätten sie jedoch nicht an die Front bekommen.
Und die Invasion zeigte vor allem: Selbst wenn die Vereinigten Staaten – damals unter Biden– weiter führen wollten, konnte europäische Sicherheit nicht länger ein passives militärisches Gut sein, das die Europäer konsumieren und die Amerikaner produzieren.
Die zweite Trump-Regierung hat nun explizit gemacht, was implizit war. Die Hinwendung nach Asien (Pivot to Asia) ist real. Die Geduld mit europäischem Trittbrettfahren ist erschöpft. Die Bedingtheit von Artikel 5, einst nur geflüstert, wird jetzt ausgesprochen. Der kürzlich angekündigte Abzug von fünftausend US-Soldaten aus Deutschland – ausgelöst, so heißt es, weniger durch strategisches Kalkül als durch präsidialen Unmut über Kanzler Merz’ Kritik am Krieg gegen den Iran – ist ein kleines Datum, aber ein vielsagendes. Die Verteidigung Europas hängt nun teilweise von der Laune eines Mannes in Washington ab. Das ist keine tragfähige Grundlage für unsere Sicherheit – für die Sicherheit einer halben Milliarde Menschen.
Ich sage das nicht im Zorn. Die amerikanischen Wählerinnen und Wähler haben über mehrere Wahlen hinweg und parteiübergreifend signalisiert, dass das Gleichgewicht der Lastenteilung im atlantischen Bündnis sich ändern muss. Sie wollen das. Wir müssen es anerkennen und entsprechend handeln.
Welche Optionen haben wir also?
II. Die Struktur der Antwort
Seit März 2025 haben wir begonnen, mit größerem Ernst zu reagieren. Das Weißbuch der Europäischen Kommission zur europäischen Verteidigung – Readiness 2030, ursprünglich als ReArm Europe lanciert – wurde im vergangenen Jahr vorgestellt. Es schlug vor, in den kommenden Jahren Verteidigungsausgaben in Höhe von bis zu 800 Milliarden Euro in der Union zu mobilisieren. Seine erste Säule – das Security-Action-for-Europe-Instrument, SAFE – stellt 150 Milliarden Euro langlaufende Kredite für die gemeinsame Beschaffung von Verteidigungsfähigkeiten durch die Mitgliedstaaten bereit. SAFE wurde im Mai 2025 vom Rat verabschiedet und war binnen weniger Monate von neunzehn Mitgliedstaaten untergezeichnet. Siebzehn Länder haben mittlerweile die nationale Ausweichklausel des Stabilitäts- und Wachstumspakts aktiviert, was ihnen erlaubt, Verteidigungsausgaben zu erhöhen, ohne die Fiskalregeln zu verletzen. In Deutschland haben wir die Verfassung geändert, so dass Verteidigungsausgaben oberhalb von einem Prozent des BIP faktisch durch unbegrenzte Verschuldung finanziert werden können.
Diese Entscheidungen sind nicht bloße Symbolik. Sie sind die größten Verpflichtungen zur kollektiven europäischen Verteidigung in den letzten siebzig Jahren.
Im Zuge dessen hat das europäische Verteidigungsökosystem Abkürzungen in einem Tempo produziert, das selbst das Pentagon erröten lassen würde: SAFE, PESCO, EDIRPA, ASAP, EDIP. Jedes davon, das sei betont, steht für ein wirklich nützliches Instrument. Zusammengenommen stehen sie für das Fehlen einer politischen Autorität.
Und doch – und hier brauche ich die Offenheit, die diesem Raum eher angemessen ist als in einer Pressekonferenz – sind sie noch keine Strategie. Sie sind bestenfalls der Beginn einer Strategie.
Eine europäische Sicherheits- und Verteidigungsstrategie muss vier Fragen beantworten. Wen verteidigen wir gegen wen? Mit welchen Mitteln? Mit welcher Befehlsstruktur? Und zu welchem politischen Zweck?
Die erste Frage haben wir begonnen zu beantworten. Russland ist die ernsteste, die unmittelbare und naheliegende Bedrohung der europäischen Sicherheitsordnung und wird es für mindestens eine Generation bleiben, unabhängig davon, wie der Krieg in der Ukraine ausgeht. Darüber gibt es in keiner europäischen Hauptstadt mehr ernsthaften Streit – auch nicht in jenen, die ihn rhetorisch zu führen vorgeben.
Die zweite Frage haben wir begonnen zu beantworten – mit Geld. 800 Milliarden Euro sind eine ernsthafte Antwort auf die Frage nach den Mitteln, wenn sie tatsächlich fließen. Aber man kann Artilleriegranaten nicht in die Welt zaubern, indem man Mittel für sie bewilligt. Und der Großteil des Geldes fließt weiterhin durch nationale Kanäle – siebenundzwanzig getrennte Haushalte, siebenundzwanzig getrennte Beschaffungen, siebenundzwanzig getrennte Prioritäten. Die Konstruktion in ihrer heutigen Form wird nicht die gemeinsame europäische Dimension liefern, die wir brauchen, um eine umfassende und glaubwürdige Abschreckung gegenüber jedem potenziellen Aggressor aufzubauen.
Die dritte Frage haben wir kaum begonnen zu beantworten. Es gibt kein europäisches Kommando. Die Europäische Verteidigungsagentur ist ein Beschaffungskoordinator; der EU-Militärstab eine Planungszelle. Heute bleibt das Kommando europäischer Streitkräfte in jedem plausiblen Szenario entweder nationales Vorrecht oder ein gemeinsames NATO-Kommando – was in den anspruchsvollsten Szenarien heißt: Wir hängen vom amerikanischen Willen oder von der amerikanischen Stimmung ab. Wie ich sagte: Das ist nicht tragfähig. Es kann nicht länger unser Standardszenario sein oder unsere Rettungsleine. Was ist also die Alternative?
Und die vierte Frage haben wir ehrlich gesagt noch gar nicht begonnen zu beantworten. Zu welchem politischen Zweck rüsten wir auf? Um Russland abzuschrecken, ja – aber Abschreckung ist ein Mittel, nicht ein Zweck. Rüsten wir auf, um den Sieg der Ukraine zu ermöglichen, oder ihren Stillstand? Was, letztlich, verteidigen wir? Das sind keine akademischen Fragen. Sie bestimmen, welche Streitkräfte wir brauchen, welche industrielle Basis wir brauchen und – scheuen wir das Wort nicht – welche nukleare Aufstellung wir brauchen.
Ich glaube nicht, dass irgendeine europäische Regierung, einschließlich derjenigen, die ich am besten kenne, bisher eine klare, umfassende, öffentliche Antwort gegeben hat.
Lassen Sie mich also meine geben.
Die Antwort ist so schlicht wie drei Worte und so komplex wie diese drei Worte: die Europäische Verteidigungsunion.
Das ist nicht – und wird nicht sein – ein Projekt aller siebenundzwanzig EU-Mitgliedstaaten. Würden wir es versuchen, würden wir zweifellos scheitern; und wer auf den Siebenundzwanzig als Vorbedingung für das Vorankommen besteht, ist entweder naiv oder, wahrscheinlicher, gegen den Gedanken einer Europäischen Verteidigungsunion überhaupt. Was wir brauchen, ist eine Koalition der Mutigen. Die großen Staaten, die dabei sein müssen: Frankreich, Deutschland, Polen, Spanien, Italien. Die Staaten, die die Frontlinie und die Erfahrung einbringen: die Balten, die Nordländer. Die Staaten, die ernsthaftes rüstungsindustrielles und maritimes Gewicht einbringen: vor allem die Niederlande. Idealerweise auch Norwegen – und, unverzichtbar, das Vereinigte Königreich.
Konkret sollte eine Verteidigungsunion vier Säulen haben, und zusammen ergeben sie etwas, was Europa bislang nie hatte.
Erstens: einsatzfähige europäische Streitkräfte – keine Verbände bloß auf dem Papier, keine rotierenden Umetikettierungen, sondern stehende Einheiten, die unter einer europäischen Befehlskette handeln können, wenn die Lage es erfordert. Zweitens: Entscheidungsstrukturen, die tatsächlich funktionieren – schneller als die NATO, langsamer als Panik, mit klaren Regeln darüber, wer was und in wessen Namen entscheidet. Drittens: gemeinsame Beschaffung als Regel statt Ausnahme und eine wirklich befähigte europäische Rüstungsagentur mit der Autorität, Entscheidungen zu treffen, und dem Budget, sie zu untermauern. Viertens: ein wirklich integrierter europäischer Verteidigungs- und Sicherheitsindustriekomplex – nicht siebenundzwanzig nationale Champions in Konkurrenz, sondern ein einheitlicher Markt für Verteidigung, von Anfang an aufeinander abgestimmt, in dem finnische, französische, deutsche, niederländische, polnische, italienische, spanische, schwedische, tschechische, britische und alle anderen Mitglieder der Europäischen Verteidigungsunion – und zu gegebener Zeit der Erfindungsreichtum und das Know-how unserer ukrainischen Heldinnen, Helden und Freundinnen, Freunde – zu einem Ganzen verbunden werden.
Und wir müssen uns klar darüber sein, was diese Architektur leisten muss. Die Fähigkeitslücken, die im Jahr 2026 am meisten zählen, sind nicht nur jene, die der Ukrainekrieg sichtbar gemacht hat – Artillerie, integrierte Luftverteidigung, präzise Langstrecke-Präzisionswaffen, Satellitenaufklärung, strategische Befähiger. Sie sind zunehmend auch digital. Drohnen, in jeder Kategorie, haben die Ökonomie des modernen Schlachtfelds umgeschrieben, und wir waren langsam darin, die Lehren zu ziehen. Aber es geht weit über Cockpit und Schützengraben hinaus. Die Europäische Verteidigungsunion muss ein Souveränitätsprojekt im gesamten sein, auf dem moderne Militärmacht heute ruht: souveräne Cloud-Infrastruktur, sichere Kommunikation, eigene Chips, eigene KI-Fähigkeiten für Verteidigungsanwendungen und eine ernsthafte, nachhaltige Anstrengung, die europäische Abhängigkeit von importierten Seltenen Erden und kritischen Rohstoffen zu verringern. Ohne dieses digitale und industrielle Rückgrat laufen am Ende noch immer jede Granate, die wir produzieren, und jedes Flugzeug, das wir entsenden, auf anderswo kontrollierter Infrastruktur. Das ist nicht strategische Autonomie. Das ist Autonomie zu den Bedingungen anderer.
Das ist keine Phantasie. Es ist die Mindestarchitektur, die mit der Alleinsein vereinbar ist, die ich zu Beginn dieses Vortrags beschrieben habe. Mit ihr – und nur mit ihr – beginnen wir, eine plausible Antwort auf die Frage zu haben, wozu die Mittel da sind und in wessen Autorität sie eingesetzt werden.
Und lassen Sie mich eines klar machen, bevor ich weitergehe. Frieden ist mehr als Panzer und Gewehre, mehr als Drohnen und Chips, und Europas Berufung besteht nicht nur darin, abzuschrecken, sondern auch darin, das zu bleiben, was es in seinen besten Momenten war: eine Kraft für den Frieden – durch Diplomatie, durch Entwicklung, durch den geduldigen Aufbau von Institutionen, in denen Konflikte bewältigt werden können, bevor sie ausgefochten werden müssen.
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III. Der Elefant im Raum – Deutschland. Von der German Angst zur Angst vor Deutschland, und nie wieder allein
Hier möchte ich zu der Frage kommen, die – gerade in diesem Raum – nicht umgangen werden kann. Die Frage nach Deutschland. Und ich möchte sie als Deutsche behandeln.
Timothy Garton Ash – Isaiah-Berlin-Professorial-Fellow an diesem College – hat vergangene Woche im Guardian eine Kolumne geschrieben, am Vorabend des einundachtzigsten Jahrestages des Endes des Krieges in Europa. Er hat eine Tatsache benannt und eine Frage gestellt. Die Tatsache ist: Deutschland wird wieder die führende europäische Militärmacht sein. Schon im nächsten Jahr werden die deutschen Verteidigungsausgaben so hoch sein wie die Frankreichs und Großbritanniens zusammen. Bis 2030 werden sie deutlich größer sein. Das erklärte Ziel der Bundesregierung, niedergelegt in der allerersten Nationalen Sicherheits- und Militärstrategie – mit dem Titel „Verantwortung für Europa“ –, ist es, die stärkste konventionelle Armee des Kontinents zu haben. Lassen Sie mich das wiederholen: die stärkste konventionelle Armee des Kontinents. Sofern nichts Unvorhergesehenes eintritt, wird das geschehen.
Garton Ash fragt: Wie stellen wir – und mit „wir“ meine ich meine Landsleute und durch uns ganz Europa – sicher, dass dieses Mal der Aufwuchs deutscher Militärmacht eine positive Entwicklung für ganz Europa ist? Ich wähle diese beiden Worte mit Bedacht: dieses Mal.
Lassen Sie es mich unverblümt sagen. Der Mangel an historischem Feingefühl, den Kanzler Merz in der Art und Weise gezeigt hat, wie er über deutsche Militärmacht sprach – und zwar ausgerechnet in der Woche des 8. Mai, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was diese Worte im kollektiven Gedächtnis dieses Kontinents bedeuten, bis heute –, ist, gelinde gesagt, überraschend. Ich bin an der Grenze zwischen Deutschland und Frankreich geboren. Ich bin ein Kind der deutsch-französischen Aussöhnung, und ich frage mich, wie schnell meine Mitbürgerinnen und Mitbürger die Narben „vergessen“, die der deutsche Imperialismus und der Nationalsozialismus überall in Europa hinterlassen haben. Sie haben Verdun und die Somme bedeutet. Sie haben Warschau und Coventry bedeutet, Lidice und Rotterdam. Sie haben Auschwitz bedeutet. Die deutsche Nachkriegsrepublik – und ich sage das mit der Dankbarkeit einer Person, die ihr gesamtes Leben unter ihrem Schutz gelebt hat – wurde gerade auf der Einsicht aufgebaut, dass das nie wieder geschehen darf und kann. Nie wieder. Die einfachsten und mächtigsten zwei Worte der modernen deutschen politischen Sprache. Nie wieder.
In den vergangenen siebzig Jahren hat „nie wieder“ Zurückhaltung bedeutet. Es impliziert bis heute eine verfassungsrechtliche Zurückhaltung beim Einsatz von Gewalt. Es hat die bewusste Pflege einer strategischen Kultur bedeutet, die so zurückhaltend war, dass sie unsere Verbündeten bisweilen zur Verzweiflung getrieben hat. Es hat bedeutet, dass wir uns in harten Fragen militärischer Macht Washington, Paris und London beugten. Diese Zurückhaltung, zuerst in der NATO und dann in der Europäischen Union eingebettet, ist eine Gründungsleistung der Nachkriegsordnung. Sie war der Preis, den wir zahlen mussten, um in eine Gemeinschaft von Nationen aufgenommen zu werden, die allen Grund hatte, uns zu misstrauen.
Aber „nie wieder“ in dieser Form – Zurückhaltung, Aufschub, eine kleinere Armee, als es die Umstände gebieten – ist nicht mehr das „nie wieder“, das die heutige Welt verlangt. Das heutige „nie wieder“ muss in seiner tiefsten Form Deutschlands Verpflichtung sein, dass die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts auf diesen Kontinent niemals zurückkehren. Zurückhaltung angesichts eines aggressiven, nuklear bewaffneten Russlands und eines unzuverlässigen Amerikas ist eine Fehlinterpretation von „nie wieder“. Sie läuft Gefahr, kein Beitrag zum europäischen Frieden mehr zu sein. Sie läuft Gefahr, zu einer Subtraktion davon zu werden.
„Nie wieder“ muss ein Beitrag zum europäischen Frieden sein.
Wir müssen also aufrüsten. Die Frage ist nicht ob, sondern wie. Und das Wie ist im tiefsten Sinne eine Frage des deutschen Selbstverständnisses.
Ich komme nun zu dem, was ich heute Abend am dringendsten sagen muss, und zu dem, was zu Hause fast niemand klar genug sagt. Unsere Nachbarn beobachten die deutsche Aufrüstung – ihre Anstrengungen und ihre Absichten. Die deutsche politische Klasse möchte glauben, im Paradies sei alles in Ordnung, aber die Umfragen und Daten erzählen eine andere Geschichte: eine Geschichte davon, wie unwohl sich unsere Nachbarn angesichts eines remilitarisierten Deutschlands fühlen – und wie wenig bereit wir zu sein scheinen, uns ihren Sorgen zu stellen. Ich sage das nicht, um zu schelten. Ich sage es, weil es wahr ist und weil es, je länger es unter uns unausgesprochen bleibt, umso mehr Schaden anrichten wird. In Berlin haben wir uns in den letzten drei Jahren eine tröstliche Geschichte erzählt: dass die Zeitenwende überfällig sei, dass Europa dankbar dafür sei, dass unsere Partner darauf gewartet hätten, dass wir endlich Verantwortung übernehmen, und dies nun begrüßten. An dieser Geschichte ist etwas Wahres. Unsere Partner sind in der Tat im Großen und Ganzen erleichtert, dass Deutschland aus seinem langen strategischen Schlummer erwacht ist. Aber die Geschichte ist unvollständig, und der Teil, den sie auslässt, ist der wichtigste.
Der ausgelassene Teil ist dieser: Unter der Erleichterung empfinden dieselben Partner, die eine stärkere Bundeswehr begrüßen, auch etwas, das sie zu höflich sind, laut auszusprechen: ein leises, beharrliches, historisch verwurzeltes Unbehagen angesichts der Aussicht auf einen Kontinent, auf dem die dominierende Militärmacht – und zwar mit erheblichem Abstand – einmal mehr Deutschland ist. Sie sagen es nicht laut, weil sie unsere Freunde sind; weil die Europäische Union auf der geduldigen Unterdrückung genau dieser Ängste aufgebaut wurde; und weil sie anerkennen, dass die unmittelbare Bedrohung aus Moskau kommt, nicht aus Berlin. Aber das Unbehagen ist da. Es ist real. Und es ist nicht Paranoia. Es wird stärker, nicht schwächer, je mehr der amerikanische Präsident sein Bekenntnis zur NATO und zur europäischen Sicherheit schwächt.
Lord Ismay, der erste NATO-Generalsekretär, sagte bekanntlich, der Zweck des Bündnisses sei, „die Russen draußen, die Amerikaner drinnen und die Deutschen unten zu halten“. Das war eine flapsige Formulierung, und sie wird seither augenzwinkernd zitiert. Aber dem Augenzwinkern lag eine reale Anordnung zugrunde. Dass die Amerikaner „drinnen“ waren, machte es tragfähig, die Deutschen „unten“ zu halten – und es machte deutsche Macht, als sie wiederkehrte, einbettbar in europäische Strukturen, statt sie zu bedrohen. Während die Amerikaner zurückweichen, kommt die Frage, die ihre Präsenz in der Schwebe hielt, wieder ins Blickfeld. Unsere Nachbarn spüren diese Frage. Wir Deutschen müssen sie ebenfalls spüren.
Die Reaktion der polnischen Rechten auf die deutsche Aufrüstung und den amerikanischen Rückzug – die Garton Ash mit charakteristischer Untertreibung „hysterisch“ nannte – ist nicht bloß eine Irrationalität, die man wegerklären könnte. Es ist das kollektive Gedächtnis, das spricht. Dieselbe Erinnerung spricht in Prag, in Paris, in Den Haag, in Athen, in Brüssel. Sie spricht in gedämpfter Form unter unseren britischen Freunden. Sie spricht, vermute ich, sogar unter Amerikanern einer bestimmten Generation. Wir Deutschen müssen sie hören. Wir müssen sie hören, nicht weil unsere Nachbarn falsch liegen, sondern weil es historisch nachvollziehbar ist. In der modernen Geschichte dieses Kontinents hat es nie ein Deutschland im Zentrum gegeben, das zugleich friedlich und militärisch dominant war. Das ist die historische Bilanz. Wir können sie nicht einfach beiseite wischen, indem wir auf die Errungenschaften der Bundesrepublik verweisen, so real diese Errungenschaften auch sind. Wir müssen uns das Vertrauen erst verdienen – gegen die historische Erfahrung, gegen die ureigensten Instinkte – von Nachbarn, die allen Grund haben, uns nicht zu vertrauen.
Dies ist der Teil der Deutsche Debatte, der seit 2022 fehlt. Zu Hause sprechen wir über die Zeitenwende als deutsches Projekt – was wir tun müssen, was wir ausgeben müssen, was wir aufbauen müssen. Wir sprechen selten darüber, wie es aus Warschau, Paris, London aussieht. Wir fragen selten, ob die Art, wie wir diese Aufrüstung betreiben – ein Großteil davon amerikanische Beschaffung, der Rest überwiegend national, durch unsere eigene Industriebasis, unsere eigenen Fabriken, unsere eigenen Wahlkreise –, eine Art ist, die unsere Nachbarn beruhigt, oder eine Art, die ihre ältesten Ängste leise wieder weckt. Wir stellen die Frage nicht. Wir müssen sie stellen.
Das Unbehagen, das unsere Nachbarn empfinden, wird natürlich durch die politische Lage in meinem Land verschärft. Die Alternative für Deutschland führt derzeit in den nationalen Umfragen. Das wahrscheinlichste Verhalten einer AfD-geführten Regierung wäre, ironischerweise, die Beschwichtigung Moskaus statt irgendeines aggressiven Einsatzes deutscher Militärmacht; das ist die historische Ironie des deutschen Nationalismus heute. Aber der Planungshorizont der neuen deutschen Militärstrategie reicht bis 2035. Niemand in diesem Raum, der bei Verstand ist, kann vorhersagen, wie deutsche Politik 2035 aussieht. Die neue Bundeswehr, die wir heute aufbauen, wird von politischen Koalitionen geerbt werden, die wir noch nicht kennen können, unter geopolitischen Bedingungen, die wir noch nicht voraussehen können. Das sollte jeder Deutschen, jedem Deutschen zu denken geben. Und die Tatsache, dass es heute den meisten von uns nicht zu denken gibt, ist für sich selbst ein Grund zur Sorge.
Deshalb möchte ich heute Abend vorschlagen, dass die deutsche politische, strategische Ausrichtung eine neue Formulierung braucht. Keinen Ersatz für „nie wieder“ – „nie wieder“ bleibt das Fundament und muss es bleiben –, sondern eine Weiterentwicklung davon, zugeschnitten auf die Welt, in der wir nun leben. Das heutige „nie wieder“ muss auch heißen: nie wieder deutscher Sonderweg. Es muss heißen: Deutschland immer in und mit Europa, für den europäischen Frieden.
Die Formulierung, die ich vorschlagen möchte, lautet: Nie wieder allein (im englischen Original auf deutsch).
Nie wieder allein.
Nie wieder allein bedeutet anzuerkennen, dass unser tiefstes Interesse darin liegt, Teil eines starken Europas zu sein, und großzügig dazu beizutragen, damit Europa stark genug ist, jeden potenziellen Aggressor davon abzuschrecken, auch nur zu erwägen – geschweige denn zu versuchen –, die europäische Ordnung zu unterminieren.
Es ist auch ein Versprechen, das sich an unsere Partner richtet – und das ist, glaube ich, die schwierigere Seite für uns, die wir kaum zu konfrontieren begonnen haben. Nie wieder allein muss bedeuten, dass deutsche Macht nie wieder allein ausgeübt wird. Nicht in dem Sinne, dass wir keine nationale Armee haben können; natürlich müssen wir das. Sondern in dem Sinne, dass die großen Entscheidungen – was gebaut wird, was eingesetzt wird, wohin es geschickt wird, unter wessen Kommando, zu welchem Zweck – im Zusammenspiel getroffen werden, in Strukturen, in verbindlichen Rahmen, mit Verbündeten, die echtes Mitspracherecht haben und nicht bloß eine höfliche Konsultation. Wir müssen das wollen. Wir müssen es selbst vorschlagen, bevor unsere Nachbarn das Gefühl haben, es von uns einfordern zu müssen.
Das ist keine Schwäche. Es ist die tiefst mögliche Lesart der Lehren von 1914 und 1939. Die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts geschahen nicht, weil Deutschland zu eingebettet in Europa gewesen wäre. Sie geschahen, weil wir nicht eingebettet genug waren. Helmut Kohl hat das in den 1990er Jahren verstanden, als er das wiedervereinigte Deutschland in den Binnenmarkt und die Einheitswährung einbettete – gegen die Zweifel vieler meiner Landsleute. Am Ende hat kein Land mehr davon profitiert als meines.
Die Rahmen der europäischen Verteidigung wird nicht so ordentlich sein wie der Binnenmarkt – Sicherheit ist nicht bloße Ökonomie –, und er wird auch nicht nur innerhalb der EU liegen. Aber das Prinzip ist dasselbe. Deutsche Macht, eingebettet, ist ein kontinentaler Segen. Deutsche Macht, nicht eingebettet, ist eine kontinentale Sorge – und, wenn wir ehrlich zu uns selbst sind über das, was unser Land gewesen ist, wenn es allein stand, auch eine deutsche Sorge.
Nie wieder allein, angewandt auf die Aufrüstung, die in meinem Land gerade läuft, hat mindestens vier Implikationen.
Erstens, auf der industriellen Seite: Die große Welle deutscher Verteidigungsausgaben darf nicht standardmäßig in eine nationale Industriebasis fließen. Die Kräfte, die in diese Richtung drücken, sind beträchtlich. Unser exportgetragenes Wirtschaftsmodell steckt in der Krise; Verteidigung ist einer der wenigen verbliebenen Wachstumssektoren. Einige unserer großen Fabriken werden bereits auf Waffenproduktion umgestellt. Jeder Beschaffungsauftrag über fünfundzwanzig Millionen Euro muss vom Haushaltsausschuss des Bundestages genehmigt werden – ein perfekter Mechanismus, um strategische Entscheidungen in regionale Grabenkämpfe zu verwandeln. Wenn wir aus dieser Aufrüstung mit einer massiv ausgebauten nationalen Verteidigungsindustrie hervorgehen, die lediglich amerikanische Importe ersetzt – ohne sich wirklich mit französischen, niederländischen, polnischen, italienischen, spanischen, schwedischen und ja, britischen Kapazitäten zu verbinden –, werden wir nicht europäische Verteidigung aufgebaut haben. Wir werden eine deutsche Verteidigungsindustrie aufgebaut haben. Und wir werden genau die europäische Nervosität geschaffen haben, die „Nie wieder allein“ verhindern soll.
Zweitens, zur Beschaffung: Wir könnten darüber lachen, wäre es nicht so tragisch. Die Vereinigten Staaten betreiben dreiunddreißig Hauptwaffensysteme. Über unsere Streitkräfte hinweg betreibt Europa einhundertvierundsiebzig – einschließlich zwölf verschiedener Panzertypen und vierzehn verschiedener Kampfflugzeuge. Das ist nicht strategische Autonomie. Das ist strategische Inkohärenz mit Haushaltstitel. Deutschland hat als größter Geldgeber sowohl den Hebel als auch die Verantwortung, Konsolidierung voranzutreiben – einschließlich dessen, dass wir, wenn die richtige Fähigkeit französisch oder polnisch oder italienisch oder britisch ist, sie kaufen und nicht selbst nachbauen. Das ist eine Disziplin, die meinem Land nicht leichtfallen wird. Wir müssen sie uns trotzdem auferlegen.
Drittens, zu Kommando und Operationen:“ Nie wieder allein“ bedeutet, die neuen deutschen Streitkräfte in multinationale Strukturen einzubinden, die von einer zukünftigen deutschen Regierung nicht leicht herausgelöst werden können. Ständige multinationale Korps. Integrierte Luftverteidigung. Gepoolte strategische Befähiger. Vorwärtsverlegungen im Osten, die Verpflichtungen sind, keine Gesten. Es geht darum, dass das Deutschland von 2026 – klarsichtig, seiner Geschichte bewusst, hellwach gegenüber seinen eigenen politischen Fragilitäten – das unbekannte Deutschland von 2035 im Voraus bindet. Wir sollten diese Bindungen begrüßen. Wir sollten sie selbst vorschlagen.
Viertens, und am heikelsten, muss nie wieder allein – durch Frankreich, durch das Vereinigte Königreich und letztlich auch für uns – auf die nukleare Abschreckung ausgedehnt werden. Das Gespräch über eine Ausweitung des britischen und französischen nuklearen Schutzschirms nach Osten, bis vor Kurzem undenkbar, beginnt nun. Es ist ein Gespräch, das wir Deutschen nicht allein führen können, und eines, dem sich Großbritannien und Frankreich nicht entziehen können. Es ist das schwierigste Gespräch in der europäischen Sicherheit, und es ist überfällig.
Ich bin heute Abend auch nach Oxford gekommen, um meinen Mitbürgerinnen und Mitbürgern etwas zu sagen. Das deutsche Gespräch über Verteidigung muss einschließen, wie unsere Partner uns sehen. Ohne das – ohne die Fähigkeit zu verstehen, wie unsere Nachbarn uns sehen, mit Zuneigung, aber auch mit Erinnerung – läuft die Aufrüstung, die wir jetzt unternehmen, Gefahr, zum teuersten und gefährlichsten Missverständnis unserer jüngsten Geschichte zu werden.
Wir können das besser. Wir haben es schon einmal besser gemacht.
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IV. Ein Wort an unsere britischen Freunde
Erlauben Sie mir, bevor ich schließe, ein direkt an das Land gerichtetes Wort, in dem ich spreche – ein Wort einer Europäerin, die hierher als Freundin kommt, nicht als Werberin.
Großbritannien ist nicht in der Europäischen Union. Die Debatten darüber, ob sich das eines Tages ändern sollte, sind Debatten, die das britische Volk in seiner Zeit und zu seinen Bedingungen zu führen hat. Ich werde sie heute Abend nicht durchspielen; ich vermute, Sie haben sie untereinander hinreichend durchgespielt.
Was wir tun werden, ist mit Ihnen zusammenzuarbeiten. Eng, ernsthaft und auf Augenhöhe. Denn es gibt keine ehrliche Karte der europäischen Verteidigung, auf der Großbritannien nicht im Zentrum stünde. Eine der beiden nuklearen Abschreckungen unseres Kontinents ist britisch. Eines der beiden wirklich eingreiffähigen Militärs ist britisch. Eine Rüstungsindustriebasis – BAE, Rolls-Royce, die Werften in Barrow –, auf die der Rest von uns nicht verzichten kann, ist britisch. Das Trinity-House-Abkommen mit Deutschland, der Lancaster-House-Rahmen mit Frankreich, die Architektur der britischen Anbindung an SAFE: Dies sind keine Trostpreise für die Nicht-Mitgliedschaft. Sie sind, aus eigenem Recht, Säulen der europäischen Verteidigung, die wir jetzt gemeinsam aufbauen. Und es ist nicht nur die materielle Grundlage, die zählt. Es ist die britische strategische Tradition – die Instinkte, die aus einer langen Geschichte des ernsthaften Umgangs mit der Sicherheit dieses Kontinents kommen. Diese Instinkte haben wir wieder gesehen, scharf und klar, in der britischen Antwort auf Putins Angriff auf die Ukraine. Es sind Instinkte, die der Rest von uns braucht.
Die Botschaft, die ich diesem Publikum mit auf den Weg geben möchte, ist eine einfache. Wir brauchen Sie. Wir wissen, dass wir Sie brauchen. Wir bitten Sie nicht, zwischen Ihrer Souveränität und unserer Solidarität zu wählen; wir bitten Sie, die erste in den Dienst der zweiten zu stellen. Die Europäische Verteidigungsunion wird mit Großbritannien gebaut werden – oder sie wird ohne Großbritannien scheitern.
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V. Der einsamere Kontinent – und wofür er da ist
Ich habe diesen Vortrag „Der einsamere Kontinent“ genannt. Ich meine damit nicht, dass Europa zum Niedergang verurteilt ist, zur Bedeutungslosigkeit oder zum bitteren Trost der Nostalgie. Wie eingangs gesagt: Ich meine das Fehlen eines Garanten. Die Einsicht, dass wir nun, in erster Linie, für uns selbst verantwortlich sind.
Aber ich möchte zum Abschluss die Bedeutung dieser Einsamkeit weiter fassen. Denn sie ist nicht nur militärisch. Sie ist auch – und, denke ich, tiefer – treuhänderisch.
Lassen Sie mich erklären, was ich meine.
Bis jetzt habe ich europäische Verteidigung als eine Frage der Fähigkeiten besprochen – Artilleriegranaten, integrierte Luftverteidigung, gemeinsame Beschaffung, Einbettung deutscher Militärmacht. Das sind die richtigen Fragen, und sie sind dringend. Aber sie sind, im tiefsten Sinne, nicht die Frage. Die tiefste Frage ist, was wir verteidigen. Und diese Frage verdient in diesem Raum, an diesem College mit seiner Berufung, eingehend über Europa nachzudenken, ihren Moment.
Ich habe kürzlich Helena Rosenblatts Buch „The Lost History of Liberalism“ gelesen – viele von Ihnen werden es kennen. Rosenblatts These lautet: Die politische Tradition, die wir heute Liberalismus nennen, war in ihren Ursprüngen nicht die angloamerikanische Doktrin individueller Rechte und freier Märkte, mit der wir sie inzwischen verbinden. Sie war für den größten Teil ihres Bestehens eine kontinentale Tradition – französisch, deutsch, schweizerisch, italienisch –, beschäftigt mit Bürgertugend, mit Pflichten gegenüber der Gemeinschaft, mit der moralischen und bildungsmäßigen Formung von Bürgerinnen und Bürgern, die zur Selbstregierung fähig sind. Das Wort „liberal“ selbst, in seinem modernen politischen Sinn, wurde im frühen neunzehnten Jahrhundert nicht in London oder Boston geprägt, sondern in Paris, Madrid und Berlin. Der Liberalismus eines Constant, eines Tocqueville, eines Guizot, der deutschen Rechtsstaatstradition ging es nicht in erster Linie darum, dem Bürger den Staat vom Hals zu schaffen. Es ging darum, die Bürger fähig zu machen, die Freiheit zu tragen, die sie errungen hatten.
Hannah Arendt, die diese Tradition intim und von innen kannte, machte denselben Punkt in anderem Idiom. Freiheit ist für Arendt keine Eigenschaft des isolierten Individuums. Sie ist nicht die Abwesenheit von Einmischung. Sie ist nicht einmal in erster Linie ein innerer Zustand des Willens. Freiheit, so argumentierte sie, erscheint nur im Zwischenraum von Menschen – in der Pluralität, im öffentlichen Raum, in dem, was sie „Handeln im Konzert“ nannte. Frei zu sein heißt nicht, in Ruhe gelassen zu werden. Es heißt, mit anderen, in der Öffentlichkeit, in Dingen, die uns alle angehen, zu handeln. Frei sein ist eine Praxis, kein Besitz. Sie existiert nur, solange die Aufführung dauert.
Sowohl Rosenblatt als auch Arendt holen etwas zurück, was wir halb vergessen haben: dass Freiheit eine zivilgesellschaftliche Errungenschaft ist, keine private Ausstattung. Dass sie Institutionen, Gewohnheiten, Tugenden und vor allem eine Gemeinschaft von Bürgerinnen und Bürgern verlangt, die bereit sind, sie aufrechtzuerhalten. Dass das einzelne Individuum, souverän über seine eigenen Entscheidungen, aber gleichgültig gegenüber dem öffentlichen Raum, nicht die Verkörperung der Freiheit ist, sondern ihre Auflösung.
Warum ist das für einen Vortrag über europäische Verteidigung wichtig?
Es ist wichtig, weil die politische Tradition, für die die europäische strategische Autonomie letztlich da ist – die Tradition, zu deren Verteidigung wir nun 800 Milliarden Euro ausgeben –, genau diese ältere, umfassendere, bürgerschaftliche Auffassung von Freiheit ist. Es ist die Auffassung, der zufolge Freiheit nicht das ist, was man hat, wenn man in Ruhe gelassen wird, sondern das, was man tut, wenn man gemeinsam handelt. Es ist die Auffassung, die die Europäische Union gebaut hat: dass geteilte Souveränität zwischen Staaten keine Verringerung der Freiheit ist, sondern ihre Erweiterung – weil Freiheit nur im Zwischenraum zwischen uns existiert.
Dieses Verständnis von Freiheit steht jetzt unter erheblichem Druck in jener anderen großen demokratischen Zivilisation, von der wir bis vor Kurzem annahmen, sie teile es mit uns. Die Vereinigten Staaten befinden sich inmitten einer Auseinandersetzung mit ihrem eigenen illiberalen Dilemma, dessen Ausgang niemand vorhersagen kann. Amerikanische Freundinnen und Freunde, die ich schätze, fragen offen, ob ihre liberale Tradition noch in der Lage ist, sich selbst neu zu erfinden. Sie wenden sich, was bezeichnend ist, europäischen Denkerinnen und Denkern zu, um die Auslöser, die vergessenen Gedanken zu finden. Constant. Tocqueville. Arendt. Den bürgerschaftlichen, kontinentalen, tugendgesättigten Liberalismus, den wir Europäer eher verschämt halb als unseren eigenen erinnern.
Das ist die tiefere Bedeutung der europäischen Einsamkeit. Wir sind nicht nur in dem Sinne allein, dass wir unser Territorium nun selbst verteidigen müssen. Wir sind in dem Sinne allein, dass wir, ein wenig zu unserer eigenen Überraschung, zu Hütern einer politischen Tradition geworden sind, deren anderes Kernland in Schwierigkeiten steckt. Der einsamere Kontinent ist im Moment auch der einsamere Liberalismus.
Ich sollte hier innehalten, denn die Wendung „einsamerer Kontinent“ kann missverstanden werden, und das möchte ich nicht. Ich meine nicht, dass Europa in der Welt als einziger Verteidiger der Freiheit dasteht. Das wäre anmaßend und unwahr. Inder, Brasilianer und Südkoreaner verteidigen ihre Demokratien unter akutem Druck. Demokratinnen und Demokraten von Südafrika bis Taiwan, vom Senegal bis Costa Rica, kämpfen ihre eigenen Kämpfe für bürgerliche Freiheit – viele davon härter und unter größerem persönlichem Einsatz, als es den meisten Europäerinnen und Europäern je abverlangt wurde. Unsere Einsamkeit ist die Einsamkeit eines alten Hüters, der entdeckt, dass die Struktur, auf die er sich verlassen hat, geschwächt ist – nicht die Einsamkeit dessen, der als Letzter übrig ist.
Das bedeutet, dass ein starkes Europa nicht das Ende des Projekts ist. Es ist die Plattform, von der aus das nächste Projekt beginnt: Koalitionen zu bauen, in aller Welt, mit allen, die ein Interesse an der bürgerschaftlichen Auffassung von Freiheit teilen, die dieser Vortrag zu beschreiben versucht hat. Ein Kontinent, der seine eigene Verteidigung wieder aufgebaut, seine eigene Selbstgewissheit zurückgewonnen und seine eigene intellektuelle Tradition erinnert hat, ist ein Kontinent, der solchen Koalitionen etwas zu bieten hat – und eine Pflicht, sie zu suchen. Die postamerikanische Welt ist keine Welt, in der Europa Amerika als einziger Garant ersetzt. Es ist eine Welt, in der Garantie selbst plural werden muss – aufgebaut zwischen vielen Demokratien, jede mit ihrer eigenen Geschichte, ihren eigenen Narben und ihrem eigenen Beitrag.
Dies legt uns eine Verantwortung auf, auf die wir, glaube ich, mental noch nicht vorbereitet sind. Es reicht nicht, aufzurüsten. Es reicht nicht, deutsche Macht in europäische Strukturen einzubetten. Es reicht nicht, die französische und britische nukleare Abschreckung nach Osten zu erweitern. Wir müssen auch – und das ist viel schwieriger und mühsamer, und am Ende wird uns keine Summe Geld helfen, die Aufgabe zu meistern – die Auffassung von Freiheit, die wir verteidigen, tatsächlich leben. Wir müssen unsere öffentlichen Räume stark machen. Wir müssen in unseren eigenen Gemeinwesen der Versuchung widerstehen, die so weite Teile der demokratischen Welt erfasst hat: der Versuchung, Freiheit als privaten Besitz wahrzunehmen, den Politik nur bedrohen kann, statt als öffentliche Praxis, die erst Politik überhaupt möglich macht. Wir müssen, mit Arendts Worten, fortfahren, im Konzert zu handeln – unter uns selbst, zwischen unseren Nationen und mit demokratischen Partnern überall, in den Räumen, die unsere Institutionen für uns geschaffen haben.
Zum Schluss möchte ich das Prinzip ausweiten, das ich früher in diesem Vortrag dargelegt habe. „Nie wieder allein“ ist das Leitprinzip für die neue deutsche Militärhaltung. Aber ich denke, das Prinzip hat eine weitere Anwendung. Es gilt am Ende für die europäische Verfasstheit als solche.
„Nie wieder allein“ – für Deutschland in der Ausübung militärischer Macht.
„Nie wieder allein“– für Europa in der Annahme, jemand anderes werde es verteidigen.
Und „Nie wieder allein“– für jeden von uns, im tiefsten Sinne, weil Freiheit selbst, richtig verstanden, nichts ist, was man allein hat.
Freiheit ist das, was Bürgerinnen und Bürger gemeinsam tun, im Zwischenraum zwischen ihnen, in der Öffentlichkeit, in der Pluralität. Die Verteidigung Europas und die Verteidigung der europäischen Freiheit sind dieselbe Verteidigung, geführt an verschiedenen Fronten, die dieselben Tugenden verlangen: Solidarität, Pluralität, die Bereitschaft, im Konzert zu handeln, die Weigerung, allein zu sein.
Ein Kontinent, der diese Lektion lernt – spät, teuer, schmerzhaft –, wird mehr getan haben, als seine Armeen wiederaufgebaut zu haben. Er wird sich erinnert haben, wofür Armeen da sind.
Das ist das Prinzip. Das ist das Projekt. Das ist die Arbeit unserer Generation.
Die französische Philosophin Élisabeth Badinter hat ein Leben lang darauf bestanden, dass die Aufklärung keine Periode der Geschichte ist, sondern ein Projekt – nicht etwas, das wir, fertig, aus dem achtzehnten Jahrhundert erben, sondern etwas, das jede Generation aufgreifen, verteidigen und weitertragen muss, oder zusehen, wie es erodiert. Sie hat recht. Die Aufklärung ist ein Projekt. Der Liberalismus ist ein Projekt. Europa ist ein Projekt. Freiheit, in dem bürgerschaftlichen Sinne, in dem Rosenblatt und Arendt sie verstanden, ist ein Projekt. Keines dieser Dinge kann besessen werden. Alle müssen praktiziert werden.
Uns ist, auf diesem Kontinent, in dieser Stunde, die Praxis übergeben worden. Mögen wir ihrer würdig sein.
Vielen Dank.